2 | Drei Monate zuvor …

Mit hölzern wirkenden Schritten durchquert der neue Gast das Bistro, den Blick starr auf den freien Vierertisch gerichtet, an den er sich gleich setzen würde. Wie sein Hals jede Bewegung ausbalanciert und dabei sein Kopf mit jedem Schritt vage vor und dann wieder zurückgleitet. Dazu die schwarzen, fast wie aus der Reihe tanzenden Haarbüschelchen am mittigen Ende seiner Augenbrauen. Lea kommt spontan das Bild eines Graureihers in den Sinn, als er an ihr vorbeigeht, ohne ihre Begrüßung zu erwidern. Nicht einmal ein Augengruß wäre wahrzunehmen. Womöglich bemerkt er sie gar nicht.

Als er einen Cappuccino bestellt, klingt es, als müsse er die wenigen Worte unter Anstrengung an seiner Kehle vorbeipressen. Seine dunklen Haare liegen mit reichlich Pomade glatt nach hinten gekämmt. Die Äderchen an der Schläfe werfen kleine Schatten. Immer wieder muss Lea ihn anschauen. Sein Gesicht gleicht einem Vexierbild, so überlegt sie irritiert. Mal erscheint es ihr sehr ansprechend, im nächsten Moment – gerade als sie das Attraktive zu erfassen versucht – nimmt es etwas Unansehnliches, etwas geradezu Abstoßendes an.

Als er gegangen ist, erwischt sich Lea bei dem Gedanken, ihn gerne noch einmal als Gast sehen zu wollen.

Sie ist verblüfft, als er gleich am nächsten Tag und von da an regelmäßig einkehrt. Irgendwann meint Kollegin Tanja zu Lea: „Was ist das eigentlich für ein komischer Kauz! Irgendwie ungut, oder?“

Lea weiß nicht, was sie darauf sagen soll.

Tanja bemerkt Leas Zögern: „Findest Du ihn etwa nicht sonderbar?“

„Ja doch, irgendwie merkwürdig. Kann ihn nicht einordnen.“

„Hast Du seine schmierigen Haare gesehen?“

„Hmh … nja, etwas viel Pomade? Aber … findest Du nicht, seine Wangenknochen geben ihm irgendwie adelige Gesichtszüge?“

„Ey, hör auf! Du spinnst!“

„Und dieses Grübchen an seinem Kinn … Na ja, klar, Du hast schon recht, irgendwas passt da nicht zusammen.“

Dieser Gast schien überhaupt neu in der Gegend zu sein, denn niemand kannte ihn. Meist trank er einen oder zwei Cappuccino, selten bestellte er eine Speise dazu. Seine Besuche waren kurz. Das Geschehen ringsum, die anderen Gäste, schien er kaum wahrzunehmen.

Eines Tages bekommt Lea mit, dass er nach seinem Besuch im Bistro stets den kleinen Feinkostladen nebenan aufsucht. Das Bistro und der Feinkostladen sind Teil einer kleinen Ladenzeile, gehörten vielleicht früher mal zusammen, denn sie teilen sich einen gemeinsamen Lagerraum. Manchmal ist Inge, die Angestellte aus dem Feinkostladen, auch gerade im Lager, wenn Lea etwas holen will. Da gibt es bei Gelegenheit schon mal ein kleines Schwätzchen über die Kisten hinweg. Von Inge hatte sie später auch Johns Namen erfahren.

Einmal hatten sie im Lager über das Flirten gesprochen. Lea wusste, dass Inge gerne mit ihren männlichen Kunden flirtete. Wenn man sie sah, würde man ihr das gar nicht so zutrauen, so brav wirkt sie auf den ersten Blick. Ihre blauen Augen blitzen vor Lebenslust, die Wangen sind vor Eifer meist leicht gerötet, die hellblonden Haare fallen glatt bis zu ihren Schultern. Dazu ist sie völlig unverstellt und ohne Falsch; man musste sie einfach gernhaben.

Lea fragte, ob sie, Inge, gar keine Sorge habe, einer der Kunden könne einen Flirt als Aufforderung missverstehen.

Inge lachte unbekümmert:
„Ach was, die Männer kennen das doch. Die wollen das auch so!“

„Ich weiß nicht … ich habe manchmal das Gefühl, es wird falsch aufgefasst.“

Inge staunte: „Mensch Lea, aber das gehört doch zum Geschäft!“

Lea musste lachen: „Na, Du bist mir vielleicht eine!“

„Nein, wirklich, im Ernst! Mach Dich mal locker!“

„Tja, wahrscheinlich hast Du recht, ich sehe das alles viel zu verkniffen.“

„Na komm, und fühlt sich doch auch gut für uns an, das musst Du doch zugeben.“

Das typische Geräusch eines eintretenden Gasts unterbricht die beiden. Lea zwinkert Inge zu: „Da kommt wer, ich muss hin. Viel Spaß noch!“

Sie eilt ins Bistro, bedient den Gast und räumt anschließend das frisch gespülte Geschirr aus dem Abtropfkorb in die Schränke … Irgendwie fühlt sie sich klein und dumm. Wahrscheinlich war sie tatsächlich naiv, spießig und verklemmt. Auch ohne Flirterei war sie, nur aufgrund einer falsch verstandenen Freundlichkeit, immer mal wieder in unangenehme oder gar bedrohliche Situationen gekommen. Nein, Flirten musste man können und sie konnte es definitiv nicht.

Inge ließ stets die Tür vom Feinkostladen zum Lager hin einen Spaltbreit offen. Sie arbeitete meist allein und fand es beruhigend, notfalls um Hilfe rufen zu können. So kam es eines Tages, dass Lea, als sie eine Schachtel Gebäck aus dem Lager holte, Johns Stimme aus dem Feinkostladen vernahm. Seine Stimme schien eine winzige Spur zu laut, wie wenn etwas Unsicherheit in ihm wäre und er diese nur übertönen müsste, um sie vor Inge zu verbergen. Lea verstand nur Satzfetzen, aber Inge konterte lachend in gewohnter Manier und Johns Reaktionen klangen bald begeistert, manchmal fast erstaunt, als wundere er sich darüber, dass diese Frau so auf ihn ansprang. Er kann also ganze Sätze, stellte Lea fest. Mit ihr sprach er ja gar nicht, vom Notwendigen mal abgesehen. Seine immer übermütiger werdenden Anzüglichkeiten ließen Inge hell auflachen.

Wie er also mit Inge lachte und Worte wechselte, wie es also etwas gab, das zwischen ihm und Lea nicht stattfand. Und es war nicht mal ihm vorzuwerfen, sondern sie selbst war es doch, die sich verschlossen zeigte. So blieb sie natürlich unscheinbar und uninteressant. Wann immer sie John nach nebenan gehen sah, spürte sie einen kleinen Stich im Herzen. Ein Gefühl, das sie ganz schnell beiseite zu schieben versuchte.

Inge interessierte sich nicht für John. Sie hatte sogar mal angedeutet, dass sie ihn unattraktiv, fast hässlich fand. Sie würde ihn Lea nicht wegnehmen. Wegnehmen … was dachte sie denn da für einen Blödsinn? Eigentlich war es ja nur dieses Gefühl, von ihm übersehen zu werden, das an Lea nagte. Das würde bald vorbeigehen, so war es doch immer. Sie atmete tief durch.

Sie hatte sein Gesicht vor Augen … die widerspenstigen Haarbüschelchen an seinen Augenbrauen … wie gerne wäre Lea mit dem Zeigefinger seinen Augenbrauen nachgefahren, ganz sachte … und weiter über die Wangenknochen hinweg. Wie sich sein Kinn wohl unter ihren Lippen anfühlen würde? Und seine Lippen … dieses scharf abgegrenzte Grübchen über seiner Oberlippe hatte so etwas verborgen Sinnliches. Aber was dachte sie denn da?! So ein Unsinn!

Vielleicht saß er wegen Inge immer so nachdenklich versunken am Tisch, überlegte sich die nächsten Scherze und war in Gedanken längst drüben bei ihr. Ganz klar, dass er Lea kaum wahrnahm. Einmal hatte sie versucht etwas mehr Wärme in ihre Stimme zu legen und war ihm vielleicht beim Servieren wenige Zentimeter näher als üblich gekommen. Doch als sie spürte, dass er innerlich zusammenzuckte, war sie schnell zurückgewichen. Wie unangenehm ihm ihre Nähe sein musste. Schneller als sonst hatte er daraufhin das Bistro verlassen, so als könne er gar nicht schnell genug von ihr fortkommen.

Hätte Lea sich überhaupt ausmalen können, was noch alles geschehen würde?

 

1 | Das Foto

Lea brachte den gewünschten Cappuccino zu John an den Tisch. Sein Mundwinkel zuckte unwillig zu einem tonlosen Danke, während sein Blick mit großem Abstand an ihr vorbei ging. Lea könnte sich nicht daran erinnern, dass er sie jemals direkt angesehen hätte. Doch hatte seine Stimme meist einen so herrischen Unterton, dass sie fast froh drum war, nicht auch noch seinem strengen Blick standhalten zu müssen. Und wie er – ohne sie je anzuschauen – auf sie herabblickte, obwohl sie vor ihm, dem Sitzenden, stand und also von höherem Punkt auf ihn herabschaute. Tatsächlich verstärkte diese Umkehrung den Eindruck noch. Wie oft erwischte Lea sich dabei, über John nachzudenken. So nahm er, fast unmerklich, immer mehr Raum in ihrem Leben ein.

Heute wirkt John besonders abwesend; wie von einer starken Unruhe erfüllt. Seit Minuten schon schaut er, die Hände im Nacken verschränkt, ein tiefes Loch in die Wand. Nun beginnt er mit der flachen Hand von der Stirn bis hinauf zum Scheitelpunkt zu streichen; wieder und wieder, so als könne er auf diese Weise einen unerhörten Gedanken beiseite schieben. Seine Schuhsohlen scharren fast unmerklich auf dem Dielenboden. Er nimmt den letzten Schluck Cappuccino aus dem Becher. Mit einer ungeduldigen Armbewegung signalisiert er Lea, dass er zahlen möchte. Lea stellt das Tellerchen mit der Rechnung auf seinen Tisch und geht zurück zum rot blinkenden und laut zischendem Kaffeeautomaten. Was klemmte nur jetzt schon wieder an diesem verdammten Ding! Als sie sich wieder umdreht, verlässt John gerade mit weit ausholenden Schritten das Bistro. Grußlos. Nanu, normalerweise zahlt er nie passend?!

Lea räumt den Tisch ab. Als sie die Münzen vom Teller sammelt, bemerkt sie etwas Festes unter der Serviette, zieht es hervor. Eine weiße Karte? Sie dreht sie um, traut ihren Augen kaum. Aber das kann doch nicht … Da, die Schritte ihrer Kollegin Tanja! Rasch lässt Lea die Karte hinter ihrem Rockbund verschwinden.

„Hi, Lea, John hat ’s ja heute sehr eilig?!“

„Ja, sieht so aus.“

„Alles okay mit Dir? Du siehst blass aus?“

„Mir ist gerade nicht so gut, ich verschwinde mal eben.“

„Soll ich mitkommen?

„Ach nee, Tanja, ist schon gut, so schlimm ist es nicht.“

Lea rennt die Stiege hinab zum Aufenthaltsraum, die rechte Hand flach an den Rock gedrückt, dort wo sich die Kanten der Karte unter dem Rockstoff abzeichnen. Im Schutz ihrer an der Garderobe aufgehängten Jacke zieht sie die Karte hervor und schaut zum ersten Mal wirklich hin. Die Aufnahme zeigt seine Männlichkeit, aufgenommen in einem warmem Licht. Es ist keine eilige Handyaufnahme. Eher könnte das Foto mit einer speziellen Kamera aufgenommen sein. Die Karte ist durchaus geschmackvoll gestaltet, doch die damit verbundene Intimität beunruhigt Lea. Was erwartet John von ihr? Das ist doch echt too much. Ein Geräusch vom oberen Treppenabsatz lässt Lea zusammenfahren, rasch lässt sie das Foto in ihrer Handtasche verschwinden.

An diesem Arbeitstag unterlaufen ihr dauernd kleine Fehler und sie ist froh, als endlich Feierabend ist und sie nach Hause gehen kann.

Obwohl ein langer Tag hinter Lea liegt, verspürt sie an diesem Abend keinerlei Hunger. Auch der spannende Krimi, den sie zu lesen begonnen hatte, vermag sie nicht abzulenken. Immer wieder nimmt sie die Karte mit dem Foto zur Hand. Anfangs zur Betrachtung, bald jedoch mehr gleich einem Versuch, eine Antwort auf eine Frage zu finden, die sich ihr noch gar nicht gestellt hatte. Wahrscheinlich käme John morgen wieder ins Bistro. Wie sollte sie sich ihm gegenüber verhalten? Sie konnte ihn doch unmöglich darauf ansprechen. Sie hatte nicht um ein solches Bild gebeten. Sie hatten ja noch nicht mal geflirtet! Eigentlich blieb nur, alles auf sich zukommen zu lassen. Ja, und vielleicht bereute John längst und er wäre dankbar, ließe sie die Sache einfach auf sich beruhen.

Am nächsten Morgen erscheint John zur üblichen Zeit. Dieses Mal hat er eine Zeitung dabei, die er gleich nach dem Hinsetzen aufschlägt. Nach dem ersten Cappuccino bestellt er noch einen zweiten. Da John hinter der Zeitung verschwunden ist, eh nie Blickkontakt zu Lea aufnimmt, fällt es ihr gar nicht so schwer, ihn wie an all den Tagen zuvor zu bedienen, so als habe sie nie dieses Foto bekommen. Selbst wenn sie darauf hätte reagieren wollen, es bot sich gar nicht so recht eine gute Gelegenheit. Anders als in den Wochen zuvor, wird ihr heute die Zeit lang mit ihm. Mehrmals hat sie sogar das eigenartige Gefühl, eine Bedrohung läge in der Luft. So ein Unsinn! Vielleicht wird doch eine kleine Reaktion von ihr erwartet? Nein, nein … das konnte nicht sein. Hätte er mit dem Foto eine Kontaktaufnahme einleiten wollen, so hätte er doch entsprechende Daten auf der Kartenrückseite vermerkt. Diese war aber komplett unbeschrieben. Sie hatte sie sogar schräg gegen das Licht gehalten, falls eine unauffällige Botschaft eingeprägt worden wäre, doch auch davon keine Spur. So richtig kann sie sich das ímmer noch nicht erklären. Deshalb hat sie auch keine Idee, wie sie darauf reagieren könnte.

„Zahlen!!“ Johns ungehaltene Stimme reißt Lea aus den Gedanken.

Lea druckt den Beleg aus und bringt ihn auf dem Tellerchen zum Tisch. Sie hat diesen noch gar nicht richtig abgestellt, da packt John sie mit festem Griff am Handgelenk. Zum ersten Mal schaut er sie an. Seine Augen brennen, sie sieht seine zusammengepressten, ebenmäßigen Zähne, als er, die Wut in der Stimme kaum beherrschend, ihr mit zischelnden Worten vorwirft:

„Du hast es gesehen! Und Du sagst kein Wort?!“

Lea ist starr vor Schreck.

John steht auf, während er sich mit einem Ruck von ihr abwendet, stößt er ihren Arm nach unten weg und lässt abrupt ihr Handgelenk los. Er zieht einen Geldschein aus der Hosentasche, knüllt diesen unbesehen zusammen und schmeißt ihn ihr vor die Füße. „Du hast es gesehen!!“ Mit wenigen Schritten ist er zur Tür hinaus. Mit einem lauten Scheppern fällt sie ins Schloss. Ein grässlicher, eisiger Schmerz krallt sich in Leas Herz. Sie ist erschrocken. Wie ihr mit einem Male klar wird, wie viel ihr dieser Mann bedeutet.

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